Woher fast alle Schulterprobleme kommen

Schulterprobleme kennen viele und vielleicht haben Sie auch gerade damit zu kämpfen.

Nach Rückenschmerzen behandeln wir in unserer Physiotherapiepraxis in Reutlingen am häufigsten Patienten mit Schulterschmerzen.

Es gibt wirklich unzählig viele Menschen, bei denen sich dieses komplexe Gelenk im Laufe ihres Lebens als zickiges Problemkind erweist.

Aber woran liegt das?

Das Schultergelenk ist unglaublich beweglich und muss dabei gleichzeitig enorm stabil sein. Denken Sie nur mal daran, wie weit Sie Ihre Arme in alle möglichen Himmelsrichtungen bewegen können!

Um diese Beweglichkeit zu gewährleisten, hat uns die Natur (oder Gott, oder an was Sie auch glauben) eine nur ganz geringe knöcherne Führung mit eingeplant.

Sie können sich das Verhältnis der beiden Gelenkspartner (Oberarmkopf zu Schulterpfanne) wie ein Golfball zu einem Tee vorstellen.

Das ist auch keineswegs eine Fehlkonstruktion, sondern sorgt eben genau für ein besonders hohes Bewegungsausmaß (im Vergleich zum viel mehr knöchern geführten Hüftgelenk).

 

Der anatomische Aufbau des Schultergelenks
Der anatomische Aufbau des Schultergelenks

 

Das heißt, dass Ihr Schultergelenk fast ausschließlich muskulär geführt wird und genau hier kommt nun die Ursache für beinahe alle Schulterschmerzen ins Spiel.

Durch unsere Berufe und auch alltäglichen Bewegungen kommt es oftmals unbemerkt schleichend, zu ungleich entwickelten Muskeln (Muskeldysbalancen).

Diese Dysbalancen führen zu einem unsauber zentrierten, viel zu engen Schultergelenk, was Ihnen vielleicht schon als Impingement-Syndrom bekannt ist.

Das häufigste Problem am Schultergelenk

Es gibt viele verschiedene Schmerzsyndrome, wie Arthritis, Sehnenentzündungen, Sehnenrisse oder auch ein Riss in der Gelenklippe des Schultergelenks.

Wenn Sie das Internet durchsuchen oder in Fachliteratur blättern, treffen Sie auf einen bunten Mix an komplizierten Fachausdrücken:

  • Bizepstendinose, SLAP-Läsion, Labrumruptur, Supraspinatustendinitis, Frozen Shoulder, Impingement-Syndrom, Instabilitäten…

Dies kann einen schnell verwirren, allerdings kann ein guter Arzt oder Physiotherapeut durch eine Befunderhebung ziemlich präzise erkennen, welche Struktur die Schmerzen wirklich verursacht und welches genaue Krankheitsbild vorliegt.

Dabei ist mit großem Abstand das häufigste Problem am Schultergelenk die Schleimbeutelentzündung (Bursitis subacromialis oder Bursitis subdeltoidea), die bei ca. 8 von 10 Patienten für ihren Schulterschmerz verantwortlich ist.

Eine Schleimbeutelentzündung gehört zum sogenannten Impingement-Syndrom, ist also eine präzisere Form und Unterteilung davon.

Das Impingement-Syndrom ist vielen bekannt, nur die wenigsten wissen allerdings, dass dies nur ein Überbegriff darstellt und nicht vollständig beschreibt, welche genaue Struktur einen Schmerz auslöst.

Impingement ist also keine vollständige Diagnose, sondern sagt nur aus, dass es zu eng im Gelenk ist und es dadurch zu einer Einengung der vielen feinen Strukturen kommt.

Die häufigste genaue Form ist eben die Schleimbeutelentzündung, was auch daran liegt, dass der Schleimbeutel riesig ist und bedeutend mehr Nervenfasern enthält, als alle umliegenden Strukturen.

Warum und wie entsteht eine Schleimbeutelentzündung?

Der Schleimbeutel kann sich manchmal durch ein Trauma (z. B. Sturz) entzünden.

Viel häufiger ist es aber, wie ich es in der Einleitung dieses Artikels beschrieben habe und es kommt durch ungleich ausgeprägte Schultermuskeln zu einem schlecht zentrierten, unrund laufenden Gelenk.

Dadurch wird der Schleimbeutel unter dem Schulterdach eingeklemmt, doch dies allein ist nicht alles.

Durch die Enge im Gelenk werden die Sehnen “abgeschrappt” und der Körper versucht mit einem Kalk-Anbau diese sofort zu verstärken.

Dieser Kalk gelangt dann häufig in den Schleimbeutel und führt zu einer Entzündung. Der Schleimbeutel entzündet sich also erstens durch zu viel Druck und zweitens durch den Kalk der Sehnen.

Interessant ist, dass eine oft diagnostizierte “Kalk-Schulter” eigentlich ebenfalls keine ausreichende Diagnose ist, denn von sich aus tut Kalk nicht weh und kann sich sogar wieder abbauen.

Genau wie ein entzündeter Schleimbeutel ist er lediglich ein Zeichen dafür, dass etwas im Gelenk nicht stimmt.

Der Schleimbeutel wird deshalb auch als “Alarmglocke” bezeichnet, weil er sich nur als Folge entzündet, wenn es im Gelenk schon länger unrund läuft und zu wenig Platz vorhanden ist.

Symptome, Diagnose und Heilung

Eine Schleimbeutelentzündung macht meist lokale Schulterschmerzen, im seltenen, ausgeprägteren Einzelfall kann sie sogar bis in die Hand ausstrahlen.

Dazu können Schulterprobleme über einen bestimmten Nerv (N. accesorius) auch schmerzende Nacken-Ausstrahlungen auslösen, die viele mit einer einfachen Verspannung verwechseln.

Die Diagnose der Schleimbeutelentzündung geht am besten über genaue Tests aus der manuellen Therapie in Verbindung mit gezielten Fragen (Anamnese).

Dies reicht zunächst aus und eine weitere bildgebende Diagnostik mit einer Ultraschalluntersuchung oder einem MRT ist erst dann notwendig, wenn durch längerfristige Physiotherapie keine Besserung eintritt.

Der Verlauf einer Bursitis ist unterschiedlich. Bei einer akuten Entzündung kommt es häufig zu einer Spontanheilung innerhalb von zwei Wochen.

Bei vielen Patienten ist der Verlauf jedoch sehr hartnäckig und es kann zu einer chronischen Veränderung des Schleimbeutels kommen, die dann nur noch mit lang anhaltender Therapie in den Griff zu bekommen ist.

Was Sie gleich umsetzen können

Wenn Sie den Verdacht oder Befund haben, dass Ihr Schleimbeutel im Rahmen eines Impingement-Syndroms entzündet ist oder Sie auch nur ein Impingement-Syndrom diagnostiziert bekommen haben, können Sie gleich anfangen, die nachfolgenden Maßnahmen umzusetzen:

  • keine Überkopfarbeit und Arm möglichst schonen
  • Okklusionsverband
    (entzündungshemmende Salbe auf Schultergelenk bringen, luftdicht mit einer Haushaltsfolie oder Duschpflaster umschließen und einen Tag belassen, ruhig 10 Tage hintereinander machen)
  • Unser Übungspaket starten, das für Platz im Schultergelenk sorgt

1. Schulterblatt diagonal nach hinten, unten ziehen

Übung Nr.1 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Führen Sie diese Übung im Sekunden-Takt mindestens 10 Minuten verteilt über den Tag aus.
  • Auch wenn Sie Ihren Arm hochbewegen müssen, um z. B. ein Glas aus dem Schrank zu holen, sollten Sie immer zuerst das Schulterblatt diagonal nach hinten, unten ziehen.

2. Adduktionsübung

Übung Nr.2 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Therapieband verknoten und oben an geschlossener Türe einklemmen.
  • Dann langsam und kontrolliert im Winkel von 60° bis 10° an den Körper ziehen.
  • 3 Sätze a 15-20 Wiederholungen.

3. Türrahmen-Ziehen

Übung Nr.3 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Hand greift an Türrahmen mit gestrecktem Arm.
  • Dann über die Schulterblattmuskulatur Körper so ran ziehen, dass das Schulterblatt diagonal nach hinten, unten wandert (so als wollen Sie etwas einklemmen).
  • Der Arm bleibt immer gestreckt.
  • 3 Sätze a 15-20 Wiederholungen

4. Rotatorenmanschette Innenrotation

Übung Nr. 4 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Therapieband an Türklinke/Heizung befestigen oder in Tür mit Knoten einklemmen.
  • Dann langsam und kontrolliert den Unterarm zum Bauchnabel nach innen drehen.
  • Der Arm bleibt dabei immer 90° angewinkelt und die Handfläche zeigt nach innen.
  • Es dreht nur der Oberarm, der Rest ist verriegelt.
  • Zwischen Körper und Oberarm können Sie ein Handtuch einklemmen.
  • 2 Sätze a 15-20 Wiederholungen

5. Rotatorenmanschette Außenrotation

Übung Nr. 5 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Therapieband an Türklinke/Heizung befestigen oder in Tür mit Knoten einklemmen.
  • Dann langsam und kontrolliert den Unterarm vom Bachnabel angefangen nach außen drehen.
  • Der Arm bleibt dabei immer 90° angewinkelt und die Handfläche zeigt nach innen.
  • Es dreht nur der Oberarm, der Rest ist verriegelt.
  • Zwischen Körper und Oberarm können Sie ein Handtuch einklemmen.
  • Bei dieser Übung haben Sie weniger Kraft als bei der Innenrotation, da der ausführende Muskel hier kleiner ist.
  • 2 Sätze a 15-20 Wiederholungen

6. Dehnung der Gelenkskapsel

Übung Nr. 6 für schmerzfreies Schultergelenk

  • Oberarm nach innen drehen und an Stuhlbein oder Bank greifen.
  • Dann Dehnung aufbauen durch eine Neigung auf die Gegenseite (der Oberarm wird dabei sozusagen „herausgezogen“).
  • Der Kopf sollte gerade bleiben und eine Nackendehnung vermieden werden.
  • Statisch oder in kleinen rythmischen dynamischen Bewegungen ausführen (auch abwechselnd statisch und bewegend ist gut).
  • Mindestens jede 3 Stunden für 5 Minuten dehnen.

Welche Physiotherapie Wirkung zeigen kann

In unserer Physiotherapie wenden wir folgende Behandlungsmethoden an, um Ihre Schulter wieder möglichst schmerzfrei zu bekommen:

  • Bursamassage (schnelle, kleine Armschüttelungen, um den Schleimbeutel auszupressen)
  • Weichteiltechniken an der Schultermuskulatur
  • Manuelle Dehnungen der Gelenkskapsel
  • Elektrotherapie und Iontophorese
  • Kräftigungsübungen, um Platz zu schaffen
  • Testen der Mobilität der Brustwirbelsäule und ggf. manueller Therapie an dieser

Immer mehr Studien zeigen, dass man fast alle OP’s verhindern kann, wenn man über längere Zeit eine Physiotherapie und Kräftigungsübungen durchführt.
Sollte keine Besserung eintreten, kann nach Rücksprache mit dem Arzt eine Injektion mit Cortison in den Schleimbeutel sinnvoll sein.

Wenn diese sauber durchgeführt wird, gibt es nur sehr selten Nebenwirkungen und es ist viel besser, eine hartnäckige Entzündung so zu nehmen, anstatt eine Chronifizierung des Schmerzes zu riskieren.

Wie Sie wiederkehrende Entzündungen verhindern und vorbeugen

Wenn Sie noch keine Schmerzen an Ihrem Schultergelenk haben oder schon mehrere Monate wieder schmerzfrei sind, ist es wichtig, wiederkehrende Entzündungen zu verhindern.

Bei Patienten, die faul sind und kein Training durchführen, kommt es nach einer Genesung ungefähr alle drei Monate zu erneuten Problemen und letztendlich droht eine schwierige OP.

Um sich die ganzen Schulterprobleme vom Leibe zu halten, brauchen Sie eine gleichmäßig ausgebildete, kräftige schulterumgebende Muskulatur. Diese hält Ihr Gelenk stabil und sorgt dafür, dass es sauber zentriert läuft und Platz hat.

Besonders wichtig hierfür ist die Rückenmuskulatur, Brustmuskulatur und am meisten die Rotatorenmanschette, die wie eine Hängebrücke Ihr Gelenk umschließt und schützt.

Ich empfehle Ihnen zur Kräftigung ein Ganzkörpertraining auszuführen (wie z. B. in meinem E-Book beschrieben), denn damit decken Sie auch das Training für Ihr Schultergelenk vollständig ab.

Ihr Training sollte immer zeitlich in Ihren Alltag passen und deshalb ist es nicht notwendig, für jedes Gelenk noch mal gesondert Übungen zu absolvieren.
Erst wenn Sie bereits Probleme haben oder erste Anzeichen aufweisen, müssen Sie Ihre Schultermuskeln durch einen genaueren Fokus mit speziellen Übungen trainieren.

Zusätzlich zu einem optimal geplanten Training sollten Sie immer darauf achten, Ihr Gelenk nicht zu lange, zu einseitig zu belasten.

Wenn Sie also Fenster putzen oder andere Arbeiten verrichten, bei denen Ihre Arme ständig überkopf beansprucht werden, achten Sie unbedingt auf ausreichende Pausen.

Sie sollten außerdem Ihren schwächeren Arm mit einbinden und diesen immer wieder zum Zug kommen lassen.
Wenn Sie diese Dinge beachten und bei einem Problem frühzeitig reagieren, können Schulterprobleme gut in Schach gehalten werden.

Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit und eine rundlaufende Schulter.